FREDERIC CHOPIN
Eine Sendereihe zum 200. Geburtstag
Eine späte Fotografie Frédéric Chopins zeigt den Komponisten 1849 in Paris, kurz vor seinem Tod. Der Sitzende trägt einen wollenen Mantel, als fröre ihn, und die sehr weißen, kraftlos im Schoß liegenden Hände stehen in merkwürdigem Kontrast zu seiner Miene. Ein Ausdruck tiefen Grams und finsteren Leidens beherrscht das Gesicht, als stünden jene "Wannen voller Blut", die Chopin während seines Aufenthaltes mit George Sand auf Mallorca spuckte, insgeheim auch hier zu seinen Füßen.
Sieht so ein Musiker aus, der Mitte des 19. Jahrhunderts zum Liebling der nobelsten Pariser Salons avancierte, den Heinrich Heine und etliche andere staunend zum "Genie" erklärten, und der bis heute als unerreichter Belcantist auf dem Klavier gilt, als Meister der Intimität und des wahrhaftigen Ausdrucks?
Seine schwächelnde Konstitution
begleitet Chopin ein Leben lang und darf, mit Freud, als Metapher verstanden werden. Ein Bub, der für Bubenspiele nicht zu haben ist. Ein Wunderkind, von dem die Eltern jede Überanstrengung fernhalten. Ein Virtuose, der alles Reisen und Konzertieren hasst (Chopin hat insgesamt kaum 50 öffentliche Konzerte gegeben!). Ein Komponist, der mit flüchtigen Ausnahmen ausschließlich Klaviermusik schreibt, kleine Stücke für den kleinen Kreis, Mazurken, Polonaisen, Préludes, Nocturnes, Etüden, Walzer, Balladen.
Ein Pianist, der konsequent zu leise spielt – im "Beichtstuhlton", wie André Gide in Anlehnung an Baudelaire sagt. Ein Liebender, der schweigt. Ein klassischer Romantiker, der weder von Literatur noch von Malerei etwas verstehen will. Ein Pole und Patriot, der das politische Schicksal seiner Heimat mit brennendem Herzen aus dem französischen Exil verfolgt. Ein Lehrer, der – ganz im Gegensatz zu Franz Liszt! – keine Schule bildet. Ein 39-Jähriger schließlich, der elend an Tuberkulose zu Grunde geht.
Dieser mächtige,
vielgestaltige Grunddissens mit der Welt prägt Frédéric Chopins Musik. Seine Werke, so formuliert Robert Schumann und meint dies durchaus politisch, seien "unter Blumen eingesenkte Kanonen". An große Chopin-Interpreten wie Vladimir Horowitz oder Krystian Zimerman, an berühmte Chopin-Interpreten wie Arthur Rubinstein oder Martha Argerich zu erinnern und junge, neue vorzustellen, soll Aufgabe dieser Sendereihe sein – und möglichst viele der Schumannschen "Kanonen" zu heben. Denn dieser Fryderyk Franciszek Chopin, von dem man nicht genau weiß, ob er am 22. Februar oder am 1. März 1810 unweit von Warschau geboren wurde, ist zweifellos mehr gewesen als ein mädchenhafter Träumer und versponnener Improvisator seiner selbst.
Christine Lemke-Matwey