Kulturradio

Kulturradio | Rezensionen | Buch

Link: Kulturradio StartseiteKulturradio

Buch

Unser "K" zeigt Ihnen die Einschätzung unserer Kulturradio-Rezensenten:

k
k
k

großartig
gelungen
annehmbar

k
k

zwiespältig
misslungen

Buch, 09.03.2010

Bernd Stiegler: Reisender Stillstand; Montage: rbb

Bernd Stiegler: "Reisender Stillstand"

Sachbuch - Philosophie

Es gibt diese vielleicht etwas zu euphemistische Vorstellung, Reisen würde bilden, Reisen würde den Horizont erweitern. Und auch dieser Ausspruch dürfte jedem Menschen nur allzu vertraut sein: Wenn einer eine Reise macht, dann kann er was erzählen. An all dem ist natürlich etwas Wahres dran. Doch ob Reisen durch die Welt gleich auch den Charakter des Reisenden entscheidend beeinflussen, sie seine psychogeografische Grundausstattung zu verändern vermögen, ob sie zu einer Erziehung des Herzens oder überhaupt der Seele beitragen können, das sei an dieser Stelle doch einmal dahingestellt; sich selbst schleppt man durch die ganze Welt mit, und das ist dann auch in der Ferne oft ziemlich beschwerlich.

Dass Reisen aber noch ganz anders vor sich gehen kann, dass dabei auch Regionen erkundet werden können, die sehr, sehr nahe liegen, wie das eigene Zimmer, die eigenen Hosentaschen, der eigene Garten oder die Straßen in der Nachbarschaft , darauf macht jetzt der Literaturwissenschaftler Bernd Stiegler mit seinem feinen Buch "Reisender Stillstand. Eine kleine Geschichte der Reisen im und um das Zimmer herum" verstärkt aufmerksam. Stiegler warnt allerdings gleich zu Beginn, dass sein Buch keines "für Stubenhocker, Agoraphobe oder Reisemuffel" sei: "Dieses Buch versteht sich nicht als Anleitung zum Zimmerreisen, sondern vielmehr zuallererst als Geschichte dieser besonderen Art der Reise: Zimmerreisen. Reisender Stillstand. Reisen in die nahe Ferne und die ferne Nähe. (...) Regelrechte Erkundungsreisen der Alltagswelt, die dabei eigentümlich fremd wird."

Es ist also eine Literaturgeschichte, die Stiegler hier vorlegt, und diese erstreckt sich über gut zweihundert Jahre, beginnend mit Xavier de Maestres Büchlein "Voyage autour de ma chambre", "Reise durch mein Zimmer", aus dem Jahr 1794. De Maestre hatte damals wegen eines Duells 42 Tage Hausarrest, und diesen Hausarrest nutzte er dazu, durch sein Zimmer zu reisen und diese Reise literarisch in 42 Kapiteln festzuhalten. De Maestre beschreibt die Alltagsgegenstände in seinem Zimmer, Bett, Stuhl oder Schreibtisch; er erzählt die Geschichte der im Zimmer aufgehängten Bilder, schildert die Entdeckungen, die er in seiner Bibliothek macht, porträtiert seinen Hund, seinen Diener oder seine Geliebte, sinniert über das "unzulängliche menschliche Streben" und schreitet so "von Entdeckung zu Entdeckung".

Wichtig war ihm zu zeigen, wie die Macht der Gewohnheit unsere Alltagswelt umgibt; ihm ging es darum, den Dingen das Maß der Fremdheit zurückzugeben, dass diese im Alltag verloren haben. Und noch mehr, wie Stiegler darlegt: De Maestre entdeckte die Verdoppelung seines Ichs, das Zusammenspiel seines Körpers und seiner denkenden Seele und wie diese sich gegenseitig beobachten. Er erschloss sich aufs Intensivste die eigene Innenwelt, sein Seelenleben, und die ihm dadurch gegebene Freiheit: "Sie haben mir untersagt, durch eine Stadt, einen geographischen Punkt zu lassen," schreibt de Maestre, "aber sie haben mir das ganze Universum überlassen: die Unermesslichkeit und die Ewigkeit stehen zu meinen Diensten."

De Maestres Buch wurde sofort nach Erscheinen ein großer Erfolg und auch gleich in mehrere andere Sprachen übersetzt. Und es begründete es in einer Zeit, da die Reise- und Entdeckerliteratur den Markt überschwemmte, da auch hinterletzte Winkel der Welt durch die Entdeckungsreisen eines James Cook erschlossen wurde, ein ganzes Genre, eben jene "Zimmerreiseliteratur". Es folgten geradezu Legionen ähnlicher Bücher, etwa Sophie La Roches "Mein Schreibetisch", Karl Sterns "Auch eine Reise auf meinem Zimmer", Alois Schreibers "Reise meines Vetters auf seinem Zimmer", Arthur Mangins "Voyage scientifique autour des ma chambre", Arsène Houssayes "Voyage à ma fenetre" oder Alphonse Karrs "Voyage autour de mon jardin". Bernd Stiegler wiederum hat diese Bücher wiederentdeckt, gelesen, unter bestimmten Aspekten gebündelt und auf 21 Etappen verteilt; Etappen, auf denen die Gartenreisen im Vordergrund stehen, das weibliche Schreiben (Stichwort "Frauenzimmer"), die Fensterreisen, die Reisen im Text der Welt, wie bei den Protagonisten des nouveau roman, die Reisen in den Bilderberg oder das Dasein als Flaneur, so wie es Franz Hessel beschreibt: "Flanieren ist eine Art Lektüre der Straße".

Das Schöne an Stieglers Buch ist, dass es enorm entspannt und flüssig geschrieben ist (und so auch gelesen werden kann) und nie etwas von dem Gestus eines verkniffenen, alles wissenden Literaturessays hat. Stiegler ist eben auch daran gelegen, "das gelingende Leben" darzustellen, wie es im letzten seiner Kapitel heißt. Und immer wieder kommt er darauf zurück, wie wichtig es ist, den fremden Blick zu üben, das Gewohnte mit einem völlig anderen, neuen Blick zu betrachten, das Altbekannte neu zu entdecken, möglicherweise auch das eigene Ich. Damit wäre viel gewonnen; damit würde möglicherweise manche beschwerliche, zudem umweltschädliche Fernreise überflüssig.

Natürlich passt Stieglers Buch gut in eine Zeit, in der das Internet zu Zimmerreisen geradezu animiert, in der die Welt sowieso enorm klein geworden ist und das weltweite Netz auch ein merkwürdig schwarzes Loch darstellt, in dem man sich zu verlieren droht. Mit Bernd Stieglers "Reisendem Stillstand" kommt man damit gut wieder heraus. Und wem dann noch wie Xavier De Maestre die Unermesslichkeit, die Ewigkeit und die Freiheit der Innenwelt stets zu Diensten sind, dem kann auch die Globalisierung, die zum Dorf geschrumpfte Welt überhaupt nichts anhaben.
Gerrit Bartels, kulturradio

Stand vom 09.03.2010

Mehr Informationen zum Thema:

Bernd Stiegler
"Reisender Stillstand. Eine kleine Geschichte der Reisen im und um das Zimmer herum"
S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2010
ISBN 3-10-070635-8
Hardcover, 288 Seiten
22,95 Euro