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Buch, 01.03.2010

Javier Marías: Dein Gesicht morgen (3); Montage: rbb

Javier Marías: "Dein Gesicht morgen"

Letzter Teil der Roman-Trilogie

Die Roman-Trilogie Dein Gesicht morgen kann jetzt schon als Opus Magnum des spanischen Erzählers Javier Marías gelten. Darin fasst der Madrider Autor, Jahrgang 1951 und Sohn des Philosophen und Franco-Gegners Julián Marías, viele Themen, Motive und Milieus zusammen, die bereits in seinen vorangegangenen neun Romanen (darunter sein Welterfolg Mein Herz so weiß) eine Rolle spielten oder mindestens anklangen, und bündelt sie zu einer Jahrhundert-Erzählung über Macht, Gewalt, Spionage und Verrat. Namentlich der Oxford-Roman Alle Seelen von 1989 (deutsch 1997), seine spöttische Hommage für All Souls, das Traditions-College, an dem Marías in den 1980er Jahren als Spanisch-Dozent wirkte, erweist sich als Keimzelle der neuen Trilogie, bis hin zum identischen Romanpersonal.

Der Plot der Trilogie
ist scheinbar simpel und lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Der Ich-Erzähler Jaime Deza, ein Spanier, wird vom britischen Geheimdienst angeheuert und wird Zeuge von Verbrechen, die seine Seele vergiften und seinen Charakter verändern; er erschrickt über sich selbst, als er erkennt, wozu er fähig wäre, und steigt aus.

Wieso benötigt Marías fast 1.700 Seiten, um das zu erzählen? Der Autor sprengt das Format des Geheimdienst-Thrillers, indem er daraus eine psychologische Tiefenbohrung über das Wesen des Menschen macht. Der Roman ist eine philosophische und moralische Reflexion über das Böse und über die Gewalt; er zeigt, wie Gewalt entsteht und wie das Böse hervorbricht; er untersucht die Macht, die Menschen über Menschen gewinnen, um sie nach ihrem Willen zu manipulieren; er zeigt mit nie erlebter Präzision, wie ein kultivierter und höflicher Mann allmählich dazu gebracht wird, Folterungen und Grausamkeiten nicht nur mit anzusehen, sondern sie selbst zu begehen. Und er stellt die provozierende Frage: Warum soll man nicht töten dürfen, wenn doch alle Welt es ständig und ungestraft tut?

Der Roman ist
nur der Form nach ein Geheimdienst-Thriller: Marías hebt die Spannungs-Dramaturgie auf, indem er die Erzählzeit extremen Zeitdehnungen unterwirft, das Erzähltempo extrem verlangsamt und die Handlung immer wieder fast zum Stillstand bringt – durch lange Abschweifungen und Erörterungen, durch oft hunderte Seiten lange Rückblicke und zeithistorische Betrachtungen. Die erzählte Zeit umfasst nur einige wenige Monate – zwischen dem Zeitpunkt, da Deza für den Geheimdienst angeworben wird und dem Zeitpunkt ein paar Monate später, als er den Dienst wieder quittiert. Aber Javier Marías streckt diese erzählte Zeit, indem er sie anreichert mit Erinnerungen an den Spanischen Bürgerkrieg und mit Rückblicken auf die Aktivitäten des britischen Geheimdienstes während des Zweiten Weltkriegs, im Kampf gegen Hitler. Es gibt ausführliche Episoden aus den Zeiten des Kampfes gegen den Faschismus und Beschreibungen, zu welchen Gräueln es auf beiden Seiten gekommen ist.

Dein Gesicht morgen ist
nicht nur eine Untersuchung über das Böse und die menschliche Grausamkeit, sondern auch ein Gespensterroman (die Toten spuken ständig den Lebenden ins Leben herein), ferner ein Eheroman, eine Studie über Treue und Verrat, aber auch eine Lehrer-Schüler-Geschichte: Der Held Deza hat einige vorbildliche Mentoren-Gestalten, Vater-Figuren, nach denen er sich orientiert und die ihn prägen – neben seinem leiblichen Vater in Madrid (hier setzt Marías seinem eigenen Vater Julián Marías ein bewegendes Denkmal). Deza ersetzt seine alten Mentoren durch eine neue, fragwürdige Einfluss-Figur, seinen Spionage-Chef Tupra, der böse Macht über ihn gewinnt, ihn moralisch vergiftet und ihn in seine eigenen seelischen Abgründe als potenzieller Folterer, Gewalttäter und sogar Mörder blicken lässt.

Erst vom dritten Band her
erschließt sich der ungeheure Reichtum an Beziehungen, Anspielungen und Zitaten dieses Roman-Universums, seine kunstvolle Konstruktion und raffinierte Verknüpfung aller Motive. Marías arbeitet mit Motiv-Spiegelungen und mit Leitmotiven. Bestimmte immer wiederkehrende Zitate (von T. S. Eliot oder von Shakespeare) erweisen sich als ausgetüftelte Echokammern. Die Motivketten werden opulent geknüpft – in ornamentalem, barock verschachteltem Stil – und in komplizierte Verweissysteme eingebaut, mit vielen Selbstzitaten aus früheren Romanen. Seine Abschweifungen können über mehr als 100 Seiten ausufern und stärken dennoch den Zusammenhalt seines Plots.
Sigrid Löffler, kulturradio

Bewertung:

Stand vom 01.03.2010

Mehr Informationen zum Thema:

Javier Marías
"Dein Gesicht morgen"
Teil 3: Gift und Schatten und Abschied
Roman, aus dem Spanischen von Elke Wehr und Luis Ruby
Klett Cotta, Stuttgart 2010
Gebunden, 726 Seiten
ISBN 978-3608937169
29,90 Euro

Teil 1: Dein Gesicht morgen – Fieber und Lanze (Klett-Cotta, 2004)
Teil 2: Dein Gesicht morgen – Tanz und Traum (Klett-Cotta, 2006)