Geschmackssache, 12.03.2010

Restaurant: "Entrecôte"
Brasserie in Berlin-Mitte
Sporadische Besucher erblicken in vielen Insignien des feinen Restaurants so etwas wie unbekanntes Terrain, auf dem man sich tunlichst mit Manschetten zu bewegen hat. Livrierte Kellner, weissgestärktes Leinen auf den Tischen und überhaupt das ganze Zeremoniell rund um die Tafel, das sich nicht zuletzt im Ambiente spiegelt, lösen eine gewisse Ehrfurcht aus, die von Einschüchterung schwer zu unterscheiden sein dürfte. Wenn dann auch noch die Karte mit französischen Begriffen nicht geizt, wächst sich das Gefühl in Schwellenangst aus.
Im Entrecôte werden alle diese Bedingungen erfüllt – und trotzdem strömen Menschen hier her, die nicht zu den passionierten Feinschmeckern zu zählen sind. Die 120 Plätze in lang gestreckten, bald vierzig Meter langen Saal, dessen Einrichtung an eine gehobene Brasserie erinnert, sind so gut wie jeden Abend rasch besetzt. Das fröhliche Gewirr der Stimmen liegt wie eine Wolke unter der Decke. Es steht zu vermuten, dass sich in einer solchen Atmosphäre Berührungsängste in ihr Gegenteil zu verwandeln – zumal das Speiseangebot schlüssig ist und keine unnötigen Hürden aufrichtet.
Das gilt vor allen Dingen für die Klassiker der französischen Bistrotküche: Zwiebelsuppe, Coq au Vin, Steak frite oder minute mit Sauce Bearnaise, Boeuf Bourgignon und Mousse au Chocolat, die hier ganz vorzüglich ist. Die Qualität der Gerichte könnte man in rustikalem Sinne als comme il faut bezeichnen, solange sie in diesen Reigen gehören. Ausflüge in die ein bisschen über diesem Niveau liegenden Kochkunst – wie an der Foie gras de Canard oder einem Enten-Confit zu sehen – scheinen die Küche schon zu überfordern.
Im übrigen hat es auch sein Gutes, dass es sich bei den empfehlenswerten Speisen um Standards handelt, die bereits vor fünfzig Jahren nicht anders gewesen sind. Indem das Entrecôte sich der modernen Küchenentwicklung verweigert, gewinnt es erst Kontur. Denn die Selbstverständlichkeit der Tradition hebt die Schwellenangst erst auf.
Thomas Platt, kulturradio
Stand vom 12.03.2010